Champagnerwissen Teil II: Was zeigt und was verbirgt eine Etikette? Und wie alt ist mein Champagner?

Champagnerwissen Teil II: Was zeigt und was verbirgt eine Etikette? Und wie alt ist mein Champagner?

1. Was liest man eine Champagneretikette? Wir verweisen zur Einführung wiederum auf ein Video welches die gängigen Begriffe auf einer Champagneretikette in rund 6 Minuten kurz und knapp erklärt. Es ist (leider nur) in englischer Sprache:


Die Fachbegriffe im Video werden in unserem Champagner-Glossar auch auf Deutsch erklärt.

An Fortgeschrittene richtet sich der nachfolgende Teil zwei. Unter anderem wird besprochen wie bei jahrgangslosen ("NV") Champagnern (immerhin 80-90% der Gesamtproduktion, je nach Hersteller) das Alter genau ermittelt oder zumindest geschätzt werden kann - und warum diese Informationen erstens für den Geschmack und das Aroma und zweitens für die Vergleichbarkeit und die Bewertung eines Schaumweins so zentral sind.


2. Welche Details zeigt (oder verbirgt) eine Champagner-Etikette? In den folgenden fünf Abschnitten wird anhand von Fragen und Thesen (sortiert von 2.1 bis 2.5) erklärt welche Details eine Champagner-Etikette anzeigt oder (oftmals abhängig vom jeweiligen Hersteller) verbirgt.

2.1 Erste Faustregel: Je kleiner der Produzent/Winzer, desto eher findet man detaillierte Informationen zum Inhalt/Wein auf der Etikette.

Als exemplarisches Beispiel dient die Gegenüberstellung zweier Champagner(-Etiketten) ohne Jahrgang; einerseits diejenige eines Winzers mit nur ein paar Hektaren Anbaufläche und andererseits die Etikette des grössten Champagnerhauses in der gesamten Region.

Bei beiden Weinen handelt es sich um den Basis-Champagner des jeweiligen Herstellers.

Konkret ist dies erstens der "Le Mont Benoit" des kleinen Winzers (mehr zu seinem Winzerstatus später) Emmanuel Brochet, das Hersteller-Kürzel links unten im Bild lautete denn auch sinngemäss RM-285... (R steht für Récoltant). Seine Frontetikette vermittelt mehr Informationen als die der meisten anderen NV-Champagner: Informationen zu Trauben und verwendeten Jahrgängen, Ausbauart (erste Gärung), die genaue Dosage in g/Liter und sogar die Produktionsmenge:

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Auf dem nächsten Bild ist der weltweit bekannte "Brut Impérial” des volumenmässig grössten Champagnerhauses Moët & Chandon mit dem Kürzel NM-549... (rechts unten, das N steht für Négociant) zu sehen. Es wird sofort ersichtlich wie wenig Informationen im Vergleich zum obigen Winzer-champagner abgedruckt sind. Grundsätzlich nur der Alkoholgehalt (wie fast immer bei Champagner ~12%) sowie die Dosage (“BRUT”, ohne weitere Details):

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Während Emmanuel Brochet aus dem Basisjahrgang 2010 (80% des Weins) und mit etwas Reserveweinen aus dem Jahr 2009 (restliche 20%, siehe Etikette) gerade einmal etwas mehr als 7000 Flaschen (auch das ist auf der Etikette minutiös vermerkt) herstellte sind es bei Moët & Chandon aktuell insgesamt etwas über 30 Millionen Flaschen pro Jahr (!); davon entfällt der Löwenanteil der Produktion auf den hier gezeigten Brut Impérial. Moët gibt zu diesem Champagner auf der Firmenwebseite weiterführende Informationen für Interessierte:
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Angesichts des riesigen Produktionsvolumens bei Moët ist es verständlich, dass nur ungefähre Assemblage-Angaben gemacht werden können. Die exakte Zusammensetzung der Weine mit einem für NV-Weine beträchtlichen Reserveanteil von 20-30% variiert von Charge zu Charge.

Zwei zentrale Informationen fehlen aber beim Moët & Chandon: Wie alt ist der Wein eigentlich (Alter der Basis- und Reserveweine) und wann wurde die Flasche degorgiert? Dazu findet man (wie bei den meisten anderen grossen Marken in der Champagne) keinerlei Angaben auf der Etikette; mehr zur Wichtigkeit dieser Information und zur Altersbestimmung von Champagnern ohne Jahrgang folgt im letzten Abschnitt 2.5.

Exemplarisch für beide Herstellerprofile (kleiner Winzer vs Grosses Haus) ist die unterschiedliche Stilistik der zwei Weine: Während der Winzerchampagner Le Mont Benoit zuerst lange 11 Monate (noch als Stillwein) im Holz war und danach 3 Jahre in der Flasche reifte waren es beim Brut Impérial (wie heute praktisch bei allen grossen Produzenten) zuerst grosse Stahltanks vor der anschliessenden Flaschenlagerung über etwa 24 bis 30 Monate.

Typischerweise ist auch die Dosage bei Winzerchampagnern gegenüber Basis-Champagnern von Grossen Häusern niedriger (in diesem Falle 4g/Liter vs 9 g/Liter) und die Reserveweine sind aus weniger Jahrgängen. Winzer haben oftmals nur kleinere Vorräte an Reserveweinen zur Auswahl (in diesem Fall "nur" aus dem Jahr 2009, wie erwähnt) als grosse Produzenten.

2.2 Welche Hersteller-Kürzel gibt es noch nebst den bekannten drei (CM, NM und RM)?

In unserem Champagner-Glossar werden die drei häufig benutzten Kürzel von Genossenschaften (“CM”), Häusern (“NM”) sowie Winzern (“RM”) bereits besprochen. All diesen Kürzeln folgt nach einem Bindestrich jeweils eine eindeutige Identifikationsnummer, für Moët & Chandon lautet die vollständige Identifikation beispielsweise “NM-549-002”.

Eine solche Angabe aus zwei Buchstaben (definiert die Kategorie des Produzenten) gefolgt von einer eindeutigen Nummer (eine pro Produzent) muss auf jeder Champagneretikette zwingend vorhanden sein.

Der Vollständigkeit halber werden nachfolgend nebst den gängigen CM, NM und RM noch die vier weiteren möglichen Kürzel auf Champagner-Etiketten gelistet:

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Etwas näher besprochen werden soll an dieser Stelle das Kürzel “MA” (Marque d'Acheteur); dieses wird vor allem von grossen Handelsketten und Discountern für Eigenmarken verwendet. Solche MA-Champagner werden dann mit (möglichst französisch oder edel) klingenden Fantasienamen gemäss Kundenwunsch etikettiert.
Auf Silvester hin findet man Flaschen mit dem Kürzel “MA” oftmals für nur 15.- bis 20.- CHF bei Warenketten und Discountern. Teils sind dies bewusst quersubventionierte Angebote um die Kunden zu mobilisieren und über die Ladenschwellen zu locken. Da alleine ein Kilo Trauben in der Champagne mittlerweile etwa 6 bis 7 EUR kostet (und mehr als ein Kilo Traubengut für eine 0.75L-Flasche benötigt wird) erkennt man auch als Aussenstehender rasch die kleine Gewinnspanne nach Verarbeitung, Materialkosten für Flasche/Kork, Lagerung, Transport inklusive Importzoll und Produzentenmarge.

Hinter euphorische Behauptungen einiger Champagnerfans wie "jeder Champagner ist sehr gut und folgt höchsten Standards" darf bei solchen MA-Champagnern teilweise ein Fragezeichen gesetzt werden.

Wie in eine Wurst kommt in einige MA-Champagner oft was gerade an Traubenmaterial übrig und verfügbar ist (anstelle von Fleischresten sind es in diesem Fall Trauben aus schlechteren Lagen, Jahren oder aus zweiter Pressung; die Hefelagerung wird auf das erlaubte Minimum reduziert). Natürlich ist es immer noch Traubengut aus dem Gebiet der streng reglementierten Champagne, so ist etwa die manuelle Handlese in der gesamten Champagne Pflicht. (Es gab in der Champagne auch nie öffentlich gewordene Skandale oder Falschdeklarationen in den letzten Jahrzehnten, so wie dies leider in Italien oder Oesterreich der Fall war).

Keine Regel ohne Ausnahme: Auch ein Gourmetrestaurant kann z.B. einen hochwertigen MA-Champagner (als Hausmarke mit eigener Etikette) für sich produzieren lassen. “MA” muss also nicht per Definition schlechter oder minderwertiger als andere Champagner sein.

Tipp: Man könnte in diesem für (flaschenvergorene) Schaumweine eher tiefen Preis-Segment von etwa 15 bis 25 CHF pro Flasche einen Cava, Franciacorta oder Winzersekt zusammen mit einem profillosen MA-Champagner ausprobieren und seinen Gaumen entscheiden lassen. Was schmeckt (blind degustiert) besser?

2.3 Warum Kürzel in die Irre führen können: Oder warum verschwinden immer mehr RM-Kürzel wenn Winzerchampagner scheinbar so im Trend liegen?

Schauen wir uns dazu eine neuere Abfüllung des besprochenen Winzers Emmanuel Brochet an, der Basisjahrgang ist nun 2016 und die hergestellte Menge ist auf etwas über 11'000 Flaschen gestiegen. Die auffälligste Aenderung links unten auf dem Etikett ist aber das neue Kürzel NM-649...."NM", und nicht mehr "RM":

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Diese Statusänderung ermöglicht grössere Flexibilität, gerade in schlechten Lesejahren. Dank dem (neuen) Status "NM" kann ein Winzer fremde Trauben zukaufen und muss sich nicht mehr an strenge Anforderungen wie etwa mindestens 95% eigenen Traubenanteil unter dem "RM"-Label halten. Extrem hohe Landpreise in der Champagne (an der besonders teuren Côte des Blancs kostet ein Hektar Land mittlerweile bis zu 2 Millionen Euro!) verhindern zudem ein organisches Wachstum als kleiner Winzer unter dem "RM"-Label. Ein Neueinstieg für junge Winzer ist so oder so nur realistisch wenn Angehörige oder Vorfahren bereits Land im Anbaugebiet der Champagne AOC besitzen bzw. besassen.

Zusammengefasst produzieren einige Winzer heute nicht mehr unter ihrem traditionellen Label "RM", sondern teilweise (und damit ironischerweise gleich wie das riesige Champagnerhaus Moët & Chandon) mit Status “NM”.

Aus diesem Grund haben wir auch unser Glossar angepasst. Bisher hiess es dort zur NM-Definition:

"Das Kürzel NM (Négociant-Manipulant) auf dem Etikett weist jeweils auf ein grosses Haus hin."

Neu steht dazu in unserem Glossar:

"Das Kürzel NM (Négociant-Manipulant) auf dem Etikett weist meistens auf ein grosses Haus hin."

2.4 Degorgierdaten und andere Geheimniskrämereien. Die Palastrevolution des Bruno Paillard auf dem Champagner-Etikett anno 1983.

Historisch galten die Kellermeister (Chef de Cave) der grossen Häuser über Jahrzehnte als Magier der Assemblage, der Konsument sollte ihre Kreationen und den für die Basischampagner des Hauses definierten "Hausstil" möglichst wenig hinterfragen. Dies war bis vor 20-30 Jahren auch gar nicht möglich - auf der Etikette war ja praktisch nichts zum Inhalt zu finden. Nur via spezialisierte Kanäle (etwa bei einem Interview mit einem Chef de Cave in einem Weinmagazin) erfuhr man gelegentlich mehr zum Inhalt eines Champagners.

Erst seit dem Aufkommen des Internets wurden den Konsumenten nach und nach mehr Informationen (wie das in 2.1 besprochene Beispiel Moët & Chandon mit Informationen zu Assemblage und Dosage via Webseite) zum Inhalt und zur Herstellung der Champagnersortimente zugänglich gemacht.

Es gibt aber auch im Jahr 2021 noch Champagnerproduzenten welche Informationen zu "Zutaten" und Herstellung entweder gar nicht (so etwa Pol Rogers Prestigewein Cuvée Winston Churchill) oder nur sehr spärlich (so etwa bei Dom Perignon) mit den Konsumenten teilen wollen.

Immerhin sind beide erwähnten Beispiele (Winston Churchill und Dom Pérignon) durchwegs Jahrgangschampagner, der Jahrgang ist daher auf der Frontetikette jeweils vermerkt. Der Konsument kennt also immerhin das Jahr der Trauben(-lese) und das ungefähre Degorgierdatum, da die Champagner einige Monate danach in den Handel gelangen.

Dass Champagnerkonsumenten heute überhaupt mehr zum Inhalt und insbesondere zum Alter eines Champagners (bzw. zu seiner "zweiten Geburt" nach Abschluss des Vinifizierungsprozesses und dem Verkorken ab dem Degorgierdatum) erfahren können haben sie Bruno Paillard und seinem gleichnamigen Champagnerhaus zu verdanken. Anfang der 1980er-Jahre führte er diese  Neuerung mit seinem damals erst gerade gestarteten Champagnerhaus als erster ein und wurde dafür noch einige Jahre von mehreren etablierten Herstellern kritisiert.

Bruno Paillards Homepage weist auch heute noch mit Stolz auf diese Neuerung hin:

"A partir du dégorgement, commence un processus naturel de vieillissement du vin dont l’évolution aromatique (fruits-fleurs-épices), visuelle et gustative est passionnante pour le dégustateur.
C’est pourquoi Bruno Paillard est le premier, depuis 1983, à inscrire sur chacun de ses flacons, le mois et l’année du dégorgement." (Quelle)

Was heute selbstverständlich erscheinen mag war damals eine kleine Palastrevolution in der Champagne. Es dauerte Jahre und teils Jahrzehnte bis andere Hersteller diese Deklaration übernahmen. Vielleicht brauchte es für eine solche Neuerung eine Persönlichkeit wie Paillard der sein Champagnerhaus erst zwei Jahre zuvor im Alter von gerade einmal 27 (!) Jahren gegründet hatte:

"In 1981, armed with nothing but a sense of determination, he sold his Jaguar, a collector’s item, to fuel his dream and open the first new Champagne house for close to 100 years. This might have seemed like a moment of madness in a region characterised very much by conservatism." (Quelle)

Heute zeigen grosse Produzenten wie Lanson dass ein Aufdruck des Degorgierdatums auch bei einem jährlichen Volumen von einigen Millionen Flaschen kein Problem ist - Lanson druckt das Datum selbst auf ihrem Basischampagner "Le Black Label" ab. Für einen Basischampagner eines grossen Herstellers sind die detaillierten Informationen auf der Rücketikette mehr als vorbildlich. Im Beispiel sind der Basisjahrgang (2015), die Lagerzeit (4 Jahre) und das Degorgierdatum (10/2019) nebst den Traubensorten und der Dosage von 8g/Liter allesamt aufgelistet:

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Es besteht die Hoffnung, dass eines Tages auch die volumenmässig grössten Namen in der Region wie Moët & Chandon oder Veuve Clicquot nachziehen (deren kleinere LVMH-Schwestermarke Krug hat diesen Schritt zu mehr Transparenz bereits gemacht, mehr dazu später in Kapitel 2.5).

Andere Weinregionen sind dem Ruf nach mehr Information und Vergleichbarkeit jedenfalls bereits gefolgt. Sehr viele Hersteller von flaschenvergorenen Schaumweinen auf der ganzen Welt geben diese wichtige Information zur Altersbestimmung mittlerweile auf der (Rück-)Etikette an:
  • Italien: Data di sboccatura
  • Deutschland: Degorgierdatum
  • Spanien: Fecha de degüelle
  • Neue Welt bzw. England: Disgorgement Date
In der Champagne gehen einige grosse Produzenten nun sogar noch einen Schritt weiter. Nach dem “Wann?” (Jahrgang und Degorgierdatum) folgt das “Woher (Lage)?”

Sie beschwören also nicht mehr immer die erwähnte “magische Assemblage” (vom Chef de Cave und seinem Team “komponiert” aus dutzenden oder hunderten von Weinen aus sehr vielen Lagen, oft verteilt über die ganze Champagne) und einen uniformen “Hausstil” ohne Jahrgangsangabe.

Bisher beschränkten sich solche Aktivitäten meist auf wenige, charakterstarke “Clos”-Weine (ein Clos ist ein fest umfriedeter Rebberg). Neu kommen weitere Einzellagen und Parzellen hinzu. Die grossen Champagnerhäuser folgen damit ihren Winzerkollegen welche diesen Weg teils schon länger eingeschlagen haben (das heisst mit dem Wein von Jahr zu Jahr den spezifischen Ausdruck einer Lage oder - Achtung, Modewort - des “Terroirs" zu zeigen).

Ein aktuelles Beispiel liefert Bollinger mit einem neuen Blanc de Noir namens “PN VZ 15”.
Das PN steht natürlich für einen reinsortigen Wein aus Pinot Noir, die Abkürzung VZ für die haupsächlich verwendete Lage Verzenay (mit Status Grand Cru, dazu kommt noch Wein aus Aÿ, Bouzy and Tauxières). 15 steht für den Basisjahrgang 2015, der das Gros des Inhalts stellt, der älteste Reservewein ist von 2009:
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Ein solcher Wein aus der Champagne (und damit auch die Champagneretikette) nähert sich anderen berühmten Weinregionen an. Dort spielten sehr spezifische Einzellagen und der Jahrgang schon immer eine entscheidende Rolle bei hochwertigen Weinen. Es ist gut möglich dass Etiketten hochwertiger und reinsortiger NV-Champagner in Zukunft immer öfter den Basisjahrgang hervorheben und auf eine (oder einige wenige) Einzellage(n) oder zumindest auf eine der 17 Grand Cru-Gemeinden verweisen. Namentlich (von A-Z) sind dies:

Ambonnay, Avize, Aÿ, Beaumont-sur-Vesle, Bouzy, Chouilly, Cramant, Louvois, Mailly, Le Mesnil-sur-Oger, Oger, Oiry, Puisieulx, Sillery, Tours-sur-Marne, Verzenay und Verzy.

Das ist aber Zukunftsmusik. Im folgenden Kapitel 2.5 wollen wir der Frage nachgehen wie man heute ohne alle diese Informationen zumindest das Alter und damit das zu erwartende Aroma bzw. Geschmacksbild eines jahrgangslosen Champagners einschätzen kann.

2.5 Wie kann man bei einem Champagner ohne Jahrgang ("NV") und ohne weitere Angaben das Alter erraten oder zumindest erahnen? Und warum sind diese Angaben für Konsumenten sehr wichtig?

Hier dreht sich alles um die Frage: Wie alt ist mein Wein? Das wäre eine sehr banale Frage bei fast allen anderen Weintypen (also Weine ausserhalb der Kategorie Schaumweine).
Bei praktisch jedem (Still-)Wein reicht heute ein Blick auf die Frontetikette um das Alter innert Sekunden zu erfahren. Falls es sich dabei nicht gerade um eine Kochweinplörre im grossen Tetrapak handelt ist der Jahrgang praktisch immer auf der Etikette vermerkt - bei allen Jahrgangschampagnern ist dies glücklicherweise ebenfalls der Fall.

Das Hauptproblem ist aber zweifaltig: Wie eingangs erwähnt sind erstens 80-90% (je nach Hersteller) aller Champagner eine Assemblage aus mehreren Jahren, sind also keine Jahrgangschampagner.
Und zweitens haben Champagner im Gegensatz zu Stillweinen einen “zweiten Geburtstag” - das schon mehrfach erwähnte Degorgierdatum (date de dégorgement)!

Nachfolgend werden fünf Tipps besprochen wie man das Alter eines Champagners (oder allgemein eines Schaumweins) bei fehlenden Angaben auf der Etikette erraten oder zumindest erahnen kann:
 
2.5.1 Korkform (wie sieht der Korken nach Entnahme aus?) und Farbe im Glas/Geschmack. Der bekannte Champagnerexperte Tom Stevenson hat die ungefähre Deformation eines Schaumweins-Korkens im Verlauf der Zeit skizziert. Grundsätzlich gilt: Je mehr der Korken schrumpft, umso älter ist der Wein bzw. je länger liegt das Degorgierdatum zurück:
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Zweitens erscheint ein älterer/lange gereifter Champagner optisch tendenziell dunkler im Glas, also eher Richtung dunkelgelb als matt- oder hellgelb. Im Gaumen dominiert allmählich Pilz-, Toast-, Nougat- und Nussaromatik. Die frische Frucht weicht Trockenfrüchten und Kompottaromen.

2.5.2 Der Hersteller verändert das Flaschen- oder das Etikettendesign (französisch: Habillage).
Dies passiert (wenn überhaupt) nur alle paar Jahre, jeder Hersteller will ja einen möglichst grossen Wiedererkennungswert für seinen Champagner. Eine Aenderung des Designs bzw. der Etikette erlaubt zumindest eine ungefähre Eingrenzung der Zeitspanne "von... bis..." bei (sehr) alten Champagnern ohne Jahrgang.
Im Bild unten dient als Beispiel der bekannte NV- bzw. MV-Champagner Grande Cuvée von Krug [1] - von rechts (ältestes Flaschendesign von 1978-82) bis links (aktuelles Design):

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2.5.3 Versteckte Degorgier- oder Alterscodes. Einige Hersteller geben das Alter bzw. das Degorgierdatum oder das spätere Abpackdatum zumindest für ihre Vertriebspartner und Aussendienstleute in Form von codierten Lotnummern oder Kürzeln an. Der australische Champagnerautor Tyson Stelzer hat solche "Champagner-Codes" verdankenswerterweise schriftlich zusammengefasst - hier ist seine Liste im PDF-Format verlinkt. Bei Laurent-Perrier ist der Code beispielsweise auf dem Korken eingebrannt:

"...it is possible to decode the cork codes. The two digits represent the year (inverted) and the first letter (A–D) is the quarter – so, for instance, A31HO was disgorged in the first quarter of 2013."

Solche Codes mögen für Hobby-Detektive einen grossen Unterhaltungswert bieten. "Normale" Weinliebhaber möchten aber meistens einfach und schnell wissen wie alt bzw. trinkreif der Champagner im Regal, im Restaurant oder im eigenen Keller ist. In den meisten Fällen ist der Code zudem an der Innenseite des Korkens, das heisst er ist erst zu sehen wenn die Flasche geöffnet wird - meist will man aber das Alter einer geschlossenen Flasche erfahren ohne sie zu öffnen. Danach muss sie nämlich in ein paar Stunden oder (mit einem guten “Stopper” verschlossen) spätestens innert ein paar Tagen konsumiert werden.

Stillweintrinker haben es in diesem Falle dank Innovationen wie Coravin neuerdings viel einfacher. Sie können einen Wein über Monate oder sogar Jahre glasweise “antesten”.

2.5.4 Offen zugänglicher Code oder ID-Nummer auf der Etikette für alle Konsumenten.
Einige bekannte Hersteller mit klingenden und bekannten Namen haben sich in den letzten Jahren dem Problem unterschiedlich angenommen. Zwei exemplarische Beispiele sind Krug (neu mit Detail-ID für jede einzelne Flasche) und Laurent-Perrier (neu immerhin mit einigen grundlegenden Informationen für Teile des Sortiments). Krug handelte also grundlegend und radikal (im positiven Sinne), Laurent-Perrier zumindest in ersten kleinen Schritten bei ihrer Prestige-Cuvée-Reihe namens Grand Siècle (welche immer aus drei Jahrgängen besteht):
  • Die "Krug ID", eine sechsstellige Nummer auf jeder Rücketikette, bietet seit Sommer 2011 via App oder via Webseite vollständige Informationen zu den in der Assemblage enthaltenen Weinen, Jahrgängen und zum Degorgierdatum. Der Konsument muss dazu nur die ID-Nummer eintippen bzw. via die Krug-App einscannen. Dies ist eine vorbildliche Lösung (auch da der Platz auf einer Etikette beschränkt ist, Krug kann online viel mehr Details auflisten). Andere Hersteller verwenden teils QR-Codes (aber meistens noch keine individuelle Flaschen-IDs, der Link führt einfach zur generischen Webseite).
  • Laurent-Perrier bietet via Webseite endlich einige Informationen zu ihren Grand Siècle-Champagnern mit fortlaufenden Nummern an, so ist die aktuelle "Iteration No 24" eine Assemblage aus den drei Jahrgängen 2004, 2006 sowie 2007. Auf weitere Details und Informationen zu anderen Champagnern aus dem Sortiment von Laurent-Perrier wartet man aber umsonst (ausser die erwähnten versteckten Codes zu Hilfe zu nehmen). Das ist leider immer noch Standard bei vielen “NM” und “CM” Anbietern.

2.5.5 Offene Angabe auf der (Rück-)Etikette bei vielen Winzerchampagnern. Kleine Winzer mit einer Produktion von wenigen Zehntausend Flaschen pro Jahr können natürlich keine aufwändigen Webseiten oder mobile Apps für Konsumenten bereitstellen - das müssen sie auch nicht da viele von ihnen seit Jahren ihre gedruckten Etiketten vorbildlich mit Informationen aller Art ausstatten.
Womit wir wieder bei der Anfangsthese dieses Artikels wären: Bei vielen Winzerchampagnern, wie am Beispiel von Emmanuel Brochet ausgeführt, steht vorbildlicherweise sehr viel auf der (Rück-)Etikette. Dennoch hat er genug Zeit für Musse wie folgendes Bild zeigt ;)

Emmanuel-Brochetpng

A propos Musse. Warum die ganze Mühe und der lange Artikel wegen ein paar Daten?

Bessere und vollständigere Informationen auf Champagner- oder allgemeiner auf Schaumweinetiketten sind keinesfalls eine akademische Uebung.

Erstens geht es um Aroma-, Geschmacksprofil und Reife des Weins. Alle drei Variablen ändern sich je nach zeitlichem Abstand von Degorgierdatum zum späteren Konsumdatum (=Trinkdatum) fortlaufend. Nur mit diesen Angaben weiss ein Konsument überhaupt was er (wann) trinkt:

"So why does this matter? Well, Champagne has two distinct lives: one of slow development, relying on the presence of yeast during lees maturation (pre-disgorgement), and another of more rapid development, when the yeast is no longer protecting the champagne from oxygen (post-disgorgement). The evolution of an individual bottle is not solely a question of years since the vintage, but also time since disgorgement.

As yeast has a unique ability to absorb oxygen for an extended period of time (more than 50 years), champagne kept on the lees will remain fresh for years. However, during the disgorg[e]ment process, a small amount of oxygen inevitably enters the bottle. After disgorgement, due to the oxygen that entered the bottle during disgorgement and the oxygen that continues to enter through the cork, the champagne begins the slow ageing process. Therefore, armed with a disgorgement date, the consumer has more information about the true maturity of the champagne, when it began the ageing process and how much life it is likely to have left." (Quelle)

Zweitens geht es um nachvollziehbare Empfehlungen für (oftmals teure, ein Tipp oder eine Kaufempfehlung sollte also Gewicht haben und dem gleichen Flascheninhalt entsprechen) Schaumweine aus Konsumentensicht.
Wohl am treffendsten formuliert hat dies Antonio Gallioni (ein früherer Weinkritiker des Wine Advocate unter Robert Parker, dort unter anderem zuständig für Champagner). Mittlerweile ist Antonio Gallioni selbständig mit seiner Webseite "Vinous". Gallioni weigert sich heute konsequent jahrgangslose NV-Champagner ohne Degorgierdatum zu testen. Richtigerweise gibt es ohne diese wichtige Information keine Vergleichbarkeit aus Sicht seiner Leser bzw. Konsumenten:

"I will no longer review NV Champagnes without disgorgement dates. The reason for this is simple. I want you to be sure you are buying the same wines I have reviewed. When you buy a NV Champagne that other publications have rated highly there is no way for you to know if you are buying the same wine that was reviewed, nor is there any way the reviewer can know if they are tasting the same wine that is actually in the market. Even more absurdly, there is no way to tell one year’s release from the prior year’s release! Simply put, listing disgorgement dates on Champagne bottles is a consumer advocacy issue. I will not review NV Champagnes without disgorgement dates." (Quelle)

Dem ist nichts anzufügen.



Fussnoten:

[1] Krug und einige andere Produzenten bevorzugen aus Marketing-Gründen lieber den Begriff “MV” (Multi-Vintage) um sich von günstigeren NV-Champagnern abzugrenzen. Es geht aber um das gleiche: Einen Wein aus mehreren Jahrgängen, nicht aus einem Jahrgang.

PS: Dieses Dokument ist unter Glossar/Tipps auch im PDF-Format zu finden.